12/25/2010

Blut- und Hodenideologie

Vor bald zehn Jahren in Telepolis:

Blut- und Hodenideologie
Goedart Palm 23.07.2001

Die Tiertheater der Grausamkeit zwischen Berlin, Kassel und Wien

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25.12.2010
Studie zu Nacktheit im Theater

Die Blut-und-Hoden-Ideologie

Von Tobias Becker



In Zeiten der Suchmaschinenherrschaft wird es schwerer zu behaupten, man habe einen Einfall selbst produziert, wenn er bereits Archivmaterial ist.

Goedart Palm

12/20/2010

Ein blasser Jesus – The Man from Earth und die Unerfindlichkeit des Unendlichen

„The Man from Earth“ (2007, Regie: Richard Schenkman) verschenkt das Potential seiner Idee. Der Film ist letztlich einfallslos, weil dieser ewig lebende Cro-Magnon-Mensch John Oldham, der auch mal Jesus war, außer Kalenderblatt-Weisheiten nichts mitzuteilen hat. Wer nach 14.000 Jahren Lebenszeit nicht mehr zu berichten hat als eine moderate Chamäleon-Geschichte der Selbstentwürfe im Zehn-Jahres-Takt, der hat seine Chance gründlich verspielt. Was das Skript überhaupt nicht realisiert, ist der enorme Erkenntnisgewinn. Im Gegenteil diese Überlegung wird verspielt mit der Behauptung, nie auf einem höheren Erkenntnislevel gewesen zu sein als die Bescheidwisser der jeweiligen Epoche. Das reduziert Wissen und Erfahrung auf kognitive Inhalte und ist somit als Erkenntnislehre zu kurzschlüssig. Wenn seine Vitalfunktionen ausreichen, um weiter lernen zu können, dann wäre dieser positiv gewendete Ashaver ein „hochgetuntes“ Erfahrungstier, der vor allem schon im Habitus eine größere Überlegenheit ausstrahlen würde. Dieser Mann hat kein besonderes Charisma. Er ist die konfektionierte Plüsch-Variante eines Unsterblichen, was übrigens nebenbei bemerkt auf die P2P-Gemeinde zurückfällt, die zur Hype des Films nicht unwesentlich beigetragen hat. Das Persönlichkeitsbild eines solchen Menschen wäre erheblich vielschichtiger in seinen Ambivalenzen. Wahrscheinlich hätte er zahlreiche Persönlichkeitsschichten, komplexe Rollenmuster, die er wechseln könnte. Ein Weiser, ein strategischer Pragmatiker, ein Wissensmonstrum, göttlich und teuflisch zugleich. Stattdessen erfahren wir: Jesus war ein amerikanischer Gutmensch, ein Langweiler – so to speak – vor dem Herrn. Ewigkeit hat andere Dimensionen…

Goedart Palm

12/14/2010

Zundelfrieder & der Rest der coolen Gang in Zeiten der Globalisierung

Intro zum "kommenden Aufstand" unter Glanz und Elend

Zundelfrieder & der Rest der coolen Gang in Zeiten der Globalisierung

von Goedart Palm


Der weitgehend vergessene Moralist Antoine de Rivarol betrachtete in seinem politischen Journal eines Royalisten, das die Zeit vom 5. Mai bis 5. Oktober 1789 umfasst, die revolutionären Ereignisse in Paris. Rivarol litt mächtig unter der gewalttätigen Demontage des Ancien Régime. Unerträglich ist ihm der »Pöbel«: Marktweiber, Kriminelle, Lumpengesindel. Er kann nicht begreifen, dass die ehrenwerte Leibgarde des Königs keinen Widerstand gegen dieses Pack leistet und sich lieber erschießen lässt. Wie kann man sich das Gesetz des Handelns von diesem Abschaum diktieren lassen? Der gegenwärtige Adel ist nur noch ein bleiches Abbild seines einstigen Glanzes. Der Patriotismus der Aufständischen sei nur ein ideologisch billiger Trick, die Diktatur des Pöbels zu rechtfertigen. Vor dem Hintergrund einer so paradigmatischen wie bluttriefenden Bemerkung Saint-Justs »Diejenigen, welche ich angezeigt habe, haben niemals ein Vaterland gekannt…« wird die herrschaftsgeladene Auslegung von Blankettformeln zum Apriori des Terrors. Früher ging es bei nur einem König den Leuten gut, die »Barmherzigkeit« funktionierte, nun gibt es unzählige Groß- und Kleintyrannen, räsoniert Rivarol. Die Menschen schreien schlimmer als je zuvor nach Brot. Der Pöbel sei indes selbst nur ein Instrument windiger Kapitalisten und verlogener Figuren wie der des doppelzüngigen Mirabeau. Der neu entdeckte Patriotismus, den Robespierre rechtschaffenen und erhabenen Menschen zurechnet, sei die billige Währung, die an den jeweiligen Wechselkurs der Macht gebunden ist. Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, hatte für den »homme de lettres« Rivarol nur Verachtung übrig. »Dieser spirituelle Parasit« sei verantwortlich, dass «der Hass vertieft und der Kampf bis ans Äußerste getrieben« worden sei. Folgt man dem »Neger« (Marxens Terminus für seinen Schwiegersohn) Lafargue und den Vertretern einer »wissenschaftlichen« Theorie des Klassenkampfs, gibt es historisch gesetzmäßige Verlaufsformen. Stellt man sich dem in den Weg, wird nur das Blutbad vergrößert. Aber wie sollte das Rivarol in der aktuellen Situation erkennen? Und ist es überhaupt wahr? Wäre nicht ein beherztes Eingreifen der Royalisten und der königstreuen Truppen erfolgreich gewesen, so wie es Rivarol behauptet. Angst sei ein schlechter Berater. Dann wäre die glorreiche französische Revolution eine bloße Revolte geblieben. Der Pöbel wäre »niederkartätscht« worden, so wie es Napoleon ohnehin als probates Mittel zur Behandlung von Volksaufständen ansah. Es hätte einige sozialstaatliche Verbesserungen gegeben und die Eigentumsordnung wäre weitgehend unangetastet geblieben. Histomat und Diamat hätten sich auf dem Bahnhof der Geschichte noch ein bisschen die Beine vertreten müssen. Virtuelle Geschichtsschreibung vermag aus Revolutionen Revolten zu machen und vice versa aus Revolten Revolutionen. Ob Freiheit und Gleichheit, Demokratie und Rechtsstaat der Geschichte letzter Schluss sind, ist auch heute nur für die entschieden, die das Telos der Geschichte bereits kennen, also die Verfassungstreuen nicht weniger als die Aufständischen mit der fragmentarischen Gebrauchsanweisung. »Das Warten auf die revolutionäre Situation und das unvermeidliche und verhängnisvolle Zögern, wenn sie eingetreten ist, gehören nach den Erfahrungen der Volkskriege einer vergangenen, noch unreifen Epoche der Revolutionsgeschichte an«, schrieb wie immer besserwisserisch die RAF 1971. Es sei ihnen egal, ob das »reines Abenteurertum«, »Blanquismus«, »Putschismus« oder »Anarchismus« genannt werde, wenn sie nur der Revolution in Deutschland einen Schritt näher kämen. Sie glaubten sich nicht nur der Revolution, sondern vor allem dem revolutionären Hexenmeister Lenin nahe, der ähnlich gegenüber seinen Kritikern aus dem eigenen Lager konstatiert hätte, derlei Vorbehalte gegen die Aktion seien »unrichtig, unhistorisch und unwissenschaftlich«...weiter

11/28/2010

A serious man oder eine Selbstbefreiung des Kinos

A serious man, 2009, Regie Ethan und Joel Coen ist nicht deswegen ein bemerkenswerter Film, weil er den Alltagsk(r)ampf als das eigentliche, cineastisch so untypische Ereignis darstellt. Der Film hintertreibt pointenreich das Prinzip der Pointe. Fast alle Handlungsstränge, die wir antizipieren, mögen sich ereignen, aber gezeigt wird es nicht. Also kommen die Geschichten nicht zu ihrem Ende und der Rabbi fragt Gopnik, der sich hilfesuchend an ihn gewandt hat, warum ihn denn die Auflösung der belehrenden Geschichte überhaupt interessiere. Diese Frage ist die Pointe. Denn die Geschichte in ihrem spektakulären Verlauf ist das Ereignis. Die Pointe, die noch erzählt werden könnte, wäre keine. Geht es uns nicht oft so in Filmen, insbesondere bestimmter Genres, dass die Auflösung die Spannung niemals rechtfertigt. Also lässt uns der Rabbi in der Spannung, ohne den Witz zu verraten, weil der gerade keiner sein könnte. Die Regisseure lernen während des Films. Als der Internist den Helden auf der Arbeit anruft, weil er mit ihm jetzt und persönlich über die Röntgenergebnisse sprechen will, geht es um Sein oder Nichtsein. Das, jetzt haben wir es gelernt, ist der Moment, den Film zu beenden. Alltag ist eine aufgeschobene Katastrophe. Das war von je die bürgerliche Moral der Lebens- und Todesversicherung.

Goedart Palm

11/23/2010

Texte von Goedart Palm zur Bioethik

Klonen und die fragwürdige Ethik der Verbote

Im Telefonbuch des Lebens geblättert (Zur Entzifferung des Genoms/Februar 2001)

Zarathustra ad portas? (Zu Peter Sloterdijks Elmauer Rede)

Klone aller Länder vereinigt Euch! (Zu Lenins gentechnologischer "Wiederauferstehung")

Die Politik im Reagenzglas:ratlos (Der politische Umgang mit der Biomedizin)

Verbrechen war gestern (Zur Diskussion um die Ausweitung der DNA-Aufklärung - 2005)

Patricia the Ripper schlitzt Jack the Ripper auf (Was passiert, wenn eine talentierte Kriminalschriftstellerin viel Fantasie, Zeit und Geld hat? - 13.12.2001)

Kein Aus für die Onkomaus (Das Harvard-Patent auf die "Krebsmaus" bleibt mit Einschränkungen bestehen - 11.11.2001)

Stephen Hawking rettet die Menschheit (DNA-veredelte Menschen müssen intelligenter werden, um nicht die Weltherrschaft an Computer abzutreten - 03.09.2001)

Anastasia screamed in vain (Geschichtsrevisionen und Verbrechensbekämpfung mit der DNA-Analyse - 31.08.2001)

Nach der Kalaschnikow kommt der Klon (Gaddafis revolutionäre Einladung des Klon-Hexenmeisters Severini Antinori nach Tripolis - 17.08.2001)

Gutes Genom und böser Klon (Warum sich die Genom-Entschlüsselungssmeldungen und die Besorgnis über Klone so gut verstehen)

Klone aller Länder vereinigt euch!
(... der Wissenschaften, erklärte jetzt, in dem einbalsamierten Restkörper Lenins seien "genügend DNA-Moleküle")

Mach's noch einmal, Sam (Das "DNA Copyright Institute" verspricht umfassenden Schutz gegen Klone - 21.08.2001)

Tierische Lust im Pornopandaemonium (Der "Große Panda" wird mit Pornos stimuliert)

Flippers Selbstbewusstsein (Delfine erkennen sich im "Spiegel-Test)

Die Monkey Wrench Gang – ein ökoterroristisches Abenteuer

»Ich höre den Ruf des Flusses.«
»Das ist die Toilette«, sagte sie. «Das Ventil hat sich schon wieder verklemmt.«

So leicht kann man sich in fundamentalen Dingen irren, wo wir ohnehin schon immer glaubten, dass hier die fatalen Irrtümer am leichtesten fallen. Das »Zurück zur Natur« versank seit je im holistischen Kitsch, der auch dieser Tage kein geringer Motor für politisch wohlfeile Überzeugungen und blütenweiche Geschäftemacher ist. Wir ergehen uns gerne in den Wohligkeiten eines künftigen Ökoparadieses, das neben den unzähligen anderen Paradiesen liegt, dem Urkommunismusparadies, dem utopischen Konfliktabschaffungsparadies, den im Kerker projizierten Sonnenstaaten und Phalanstères, die der Gewächshausfanatiker Charles Fourier vergeblich propagierte.

»Die Monkey Wrench Gang« von Edward Abbey nimmt uns in eine Natur mit, ohne den ambivalenten Sinn für Zivilisation und Technik an der Eintrittskasse des Nationalparks abgeben zu müssen. Hier wird grün bis giftgrün das projiziert, was den meisten nicht gegeben ist, nämlich Abenteuer, Moral und Maschinensturm in saftiger Liebe zur Natur zu leben und doch die neben Läusen juckenden Paradoxien der Zivilisation zu spüren. Edward Abbey sammelte zuvor in der US-Armee einschlägige Erfahrungen, davon zwei Jahre als Militärpolizist, später war er Saison-Ranger und Feuerwache in Nationalparks – was seine martialischen Waldläufer so plausibel macht wie die kundigen Bewegungen durch die Natur. »Monkey wrench« bezeichnet einen gewöhnlichen Universalschraubenschlüssel, metaphorisch geht es weiter reichend um den anarchischen Zugriff auf alle Apparatur, die uns den Weg (zurück) zur Natur verbaut. Die Moral unserer Ökohelden fordert kategorisch kreatives Chaos, jenen Sand im Getriebe, der sich als neuer Baustoff für bessere Gesellschaften anempfiehlt. »Monkeywrenching« wurde zum anregenden Terminus technicus des Widerstands, der sich »marcusianisch« gegen unnatürliche Sachen, nie gegen Menschen, richtet...

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Goedart Palm

11/15/2010

Minimeditation über den Papst

Sehe ich den Papst, frage ich mich, ob es nicht in Zukunft klüger wäre, einen jüngeren, vielleicht sehr jungen Papst zu wählen. Denn die Frage ist, ob das Autoritätsschema, das die Kirche fährt, nicht besser durch das Signal überlagert würde, dass es Juvenilität in dieser Kirche überhaupt noch gibt. Der amtierende Papst, wie immer ihn die Freunde und Widersacher bewerten, erscheint allein durch sein Alter als fragiler Pontifex maximus. Mag sein, dass der Vatikan spin-doctors hat, die Kirche scheint sie nicht zu haben. Sonst wäre man darum bemühter, Identifikationsfiguren aufzubauen, die eine natürliche Kraft ausstrahlen. Diese Kirche folgt bewusst oder unbewusst einem abblätternden Identifikationsschema von Weisheit und Alter. Der polytheistische Götterhimmel bot da ohnehin ungleich variablere Schemata, jedes Alter war vertreten und die Identifikationsangebote entsprechend reichhaltig.

Goedart Palm

10/16/2010

Leitkultur und kein Ende

Vor einem Jahrzehnt geschrieben: "Gegenüber dem Mumifizierungsversuch von mehr oder weniger edlen Leitfossilien der deutschen Kulturnation wäre es vorzugswürdig, diese gleich in den großen, großen Worldwhirlpool hineinzumixen. Die Kraft einer Kultur erwiese sich dann nicht im Gütesiegel, das unsere nationalen Kulturauguren verhängen, wenn es erhaben aus dem dunklen Deutschen Wald rauscht, sondern in Dialog, Polylog oder Kampf von Kulturen und Kultürchen. Starkdeutsch oder dummdeutsch sollen dann die user der virtual society, der Gesellschaft für humanen Kulturkannibalismus, entscheiden. Ein Kulturkampf wird ohnehin nicht daraus, weil den Kulturen ihre Beliebigkeit kaum mehr auszutreiben sein wird."

Goedart Palm

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9/18/2010

Liebe Mitglieder und Freunde von Ludwig van B.,

zur Erinnerung - morgen:

"Erneuerungen"

- Eine musikalische Zeitreise durch die Ausstellung "Renaissance am Rhein", die in dieser Woche im LVR LandesMuseum eröffnet wird. 170 unserer besten jungen Bonner Musikerinnen und Musiker führen Sieam Sonntag, 19. Sept. 2010 ab 14.00 Uhr durch eine wunderbare neue Ausstellung.Von Flöten- und Harfenklängen des 16. Jahrhunderts über klassische und "rheinromantische" Stimmungen reicht der musikalische Leitfaden bis ins 21. Jahrhundert. Erleben Sie zum krönenden Abschluss im Saal des Museums Das Sonntagsspiel

"Am Ball"

Ein Fußballett von Moritz Eggert, frisch einstudiert in einem Wochenendworkshop gemeinsam mit dem Komponisten von der Fußballmannschaft und dem Orchester am Aloisiuskolleg mit Gästen.Moritz Eggert, dem Bonner Publikum durch verschiedene Uraufführungen im Beethovenfest bestens bekannt, wird Sie in seinem 17minütigen Stück davon überzeugen, dass für echte Fans auch ein Fußballspiel "große Oper" ist. Anpfiff dafür ist um 17.30 UhrSie zahlen für das gesamte Programm nur den normalen Museumseintritt:Erwachsene 7,- Euro, (erm. 5,-)Familienkarte 10,- Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 haben freien Eintritt!Wir freuen uns auf Sie!

Dr. Solveig Palm (Vors. Netzwerk Ludwig van B.)

Hannelore Heitkamp, Projektleitung "Erneuerungen"Dr. Robert Wittbrodt, Projektleitung "Am Ball"


Dr. Solveig Palm, geschf. Vors.
Ulrich-von-Hassell-Str. 44
53123 Bonn
Tel.: 0228-9250209
email: SolveigPalm@aol.com

8/30/2010

Lebenserhaltungskosten - Wunder der Semantik

Einer im Bus spricht über "Lebenserhaltungskosten" (wohl in der Schweiz häufiger zu hören), was mich zu der Fantasie verführt, dass das Leben erhalten wird, solange diese Kosten erbracht werden. Wie wäre diese Welt beschaffen? Einige haben ausreichende "Lebenserhaltungskosten", bei anderen reicht es nur für Lebenshaltungskosten. Das wären brisantere Verhältnisse als die, die wir schon ohne solche Optionen für anstrengend genug halten dürfen.

Goedart Palm

8/21/2010

Analoge Rückzugsgefechte

Goedart Palm 21.08.2010

Vom gegenwärtigen Widerstand gegen die Autonomisierung des Virtuellen

Seit 1990 gibt es einen in Klagenfurt gegründeten Verein zur Verzögerung der Zeit. Eingefordert wird die "Eigenzeitlichkeit lebender Systeme berücksichtigende Entwicklungszeit". Wer hat noch noch nie den Beschleunigungsterror verwünscht? PC-Zertrümmerungsfantasien sind Teil unserer Lebenswelt. Eigenzeitlichkeit heißt vulgo: Gemächlichkeit, Zeit zum Verweilen, um den schönen Augenblick nicht im nächsten Click schon zu vergessen. "Verweile doch, du bist so schön!"

Die gerade heftig umworbene E-Post hilft bei der faustischen Fixierung der wirklichen Wirklichkeit noch weiter: "Denn dank persönlicher Identifizierung wissen Sie beim E-POSTBRIEF immer, mit wem Sie kommunizieren. Und er erreicht genauso zuverlässig jeden Adressaten – auch die Empfänger ohne elektronischen Briefkasten. Besitzt der Empfänger noch keine E-POSTBRIEF Adresse, drucken wir Ihre Mitteilung aus und stellen sie wie gewohnt auf dem Postweg zu."

Wir haben uns längst den Postweg abgewöhnt, von amazonenhaften Care-Paketen abgesehen. Menschen ohne Email-Kasten gehören zur Spezies der aussterbenden Arten, ohne dass wir diesem Artensterben viel Mitgefühl entgegenbringen könnten. Briefe waren schon zuvor angesichts des allmächtigen Telefons rare und nicht gerade vermisste Ereignisse. Das "Leibhafte" und "Analoge" ist in in-formierten Gesellschaften auf dem stetigen Rückzug. Kein Wunder, dass es heftige Rückzugsgefechte gibt, die sich als erfolgreiche "Absetz-Bewegungen" etikettieren wollen.

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Multiple Existenzen im Multiversum




Das Spiegeluniversum neben uns
Goedart Palm 14.08.2010

Multiple Existenzen im Multiversum
Das im Urknall entstandene klassische "Universum" wird inzwischen durch Begrifflichkeiten wie Quanten-, Parallel-, Mega- oder Metauniversum, vor allem aber durch das schillernde Gebilde des "Multiversums" verdrängt und überboten. Giordano Brunos frühe Vision eines unendlichen Universums mit unendlich vielen Planeten und Lebewesen zeigt bereits, dass klassische Vorstellungen eines einheitlich formierten Kosmos nie unangefochten waren. Für eine Wissenschaft, die traditionell die einfachere Erklärung gegenüber der aufwändigeren bevorzugt (Ockhams Rasiermesser), ist ein wucherndes Multiversum jedoch ebenso eine Zumutung wie der bizarre Teilchenverkehr der Quantenmechanik. Wie paradox ist es, im hiesigen Universum immer ausgedehntere Theoriewelten zu produzieren, nur um eines zu erklären?

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7/20/2010

Peter Hacks und die Katzenmusik

Auf der Peter Hacks Seite (Impressum konnte ich nicht finden) erfahre ich also, dass der Essay "Die Klassik-Maschine in ihrer Welt" auf Glanz und Elend "ausführlich postmoderne Katzenmusik" sei. So ist es Recht. Schriftstellern, deren Rezeption vornehmlich als Apologetik daherkommen darf, erweist man gewiss einen großen Dienst. "Postmodern" ist so eine Unwort-Vokabel, die gerade dann zum Einsatz kommt, wenn man unter sich bleiben will. Was "postmodern" ist, weiß ich nicht, eher schon, was man "ostmodern" nennen könnte. Das haben Klassiker wie Peter Hacks nicht verdient, wenngleich er selbst der Klassikerverehrung das Wort verliehen hat. Wenn man sich posthum noch seine Freunde aussuchen könnte, wäre man um den Nachruhm nicht verlegen. So aber darf man sich auslegen lassen wie Teppichware. Freilich eine rote Teppichware, auf der ja kein Fleck erscheinen darf.

Goedart Palm

7/17/2010

Die Klassik-Maschine in ihrer Welt

Die Klassik-Maschine in ihrer Welt

Goedart Palm über Peter Hacks programmatischen Kavenzmann
»Die Maßgaben der Kunst«

Es wird der Tag kommen, an dem der Suhrkamp Verlag wegen fehlender Lesebändchen in den „Übereintausendern“ mit einer Sammelklage rechnen muss. Peter Hacks Aufsatzsammlung „Die Maßgaben der Kunst“, beginnend im Jahre 1959 und hier vorgelegt in der Fassung letzter Hand aus dem Jahr 2003, ist ein überaus einmerkerbedürftiger Wälzer, der gleich ein halbes Dutzend Seidenquasten verdient hätte. So also setzt es Eselsohren für den sturen Verlag und die in einem Band (!) aktualisierten Hacks-Textmassen, die überhaupt herauszugeben aber dann schließlich doch wieder mit der verlegerischen Entscheidung versöhnt.

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7/12/2010

Hello Operator - White Stripes

"...my coffin doesn’t have a phone." Aufgemerkt: Es gab diese Särge mit Klingelanlage bzw. Telefon, weil die Angst bestand, lebendig begraben zu werden. Das Motiv ist also kein bloßer Joke, sondern eine existenzielle Grundaussage.

Goedart Palm

7/10/2010

Politkünstler - Agitprop - Wichtigtuer

Politikkünstler sind zumeist Zeitgenossen, die zuvörderst froh sind, ein Thema gefunden zu haben, das ein ganzes Bündel von Vorteilen für den Protagonisten besitzt. Wahrheit, Authentizität, Verkoppelung mit politischen Vorgängen und weitreichende inhaltliche Vorgaben. Insofern ist Politikkunst - so to speak - eine künstlerische Lösung für künstlerische Selbstfindungsschwierigkeiten. Wer hier nach Authentizität im emphatischen Sinne fragt, hat gar nichts verstanden.

Goedart Palm

7/08/2010

The White Stripes Cramps Divine Horsemen

Bei den "Stripes" gibt es Hörerlebnisse, die auf die "Cramps" und "Divine Horsemen" verweisen. Musikologisch wäre es interessant, eine Taxonomie der Atmospären zu erarbeiten, die konkretere Zuordnungen von Musik möglich macht.

Goedart Palm

7/07/2010

Kaltes Sinnesorgan

Das Auge ist deshalb ein kaltes Sinnesorgan, weil es nicht in Schwingung geraten kann wie auditive Systeme. Musik ist eine Affäre des ganzen Körpers, doch kein Mensch sieht mit dem Knie.

Goedart Palm

Netz und Politik

Das Internet soll nicht als demokratisches Subsidium klein gerechnet werden. Nicht die angebliche Verdrossenheit der Bürger gegenüber der Politik wird damit kuriert. Das Netz ist politisch antistaatlich und damit eine Selbstorganisationschance, die das Politische (im Sinne der Polizei Rancieres) nicht beflügeln wird. Weil das aber kaum je verstanden wird, erleben wir täppische Anbiederungen, die sich ihre eigene Nichtigkeit nicht eingestehen. Politikerseiten sind Orte der Langeweile. Demokratie darf aber nicht langweilig sein. Wo also ist die Lösung?

Goedart Palm

The White Stripes versus The Black Keys

Das ist kein kleines Problem, wenn man eines daraus machen möchte. Soll man sich nun auf die Seite von "The White Stripes" oder "The Black Keys" schlagen? Es wäre wohl eine höchsteigene Art von Schwarzweiß-Malerei zu behaupten, dass es ein und dieselbe Band ist. Doch das Idiom dieser Duo-Künstler ist nahverwandt. Klar wird, dass die kleine Besetzung immer die größten Chancen hat, pure Musik zu schaffen.

Goedart Palm

7/04/2010

Zurück in die Katakomben

"Fassungslos und unter Tränen schleppte sich Maradona in die Katakomben des Green-Point-Stadions in Kapstadt." So textet Hendrik Baumann im Spiegel-online unter der der nicht minder mythologischen Firma "Götterdämmerung für den Überirdischen" zum 4:0Aus der Argentinier gegen Deutschland am 04.07.2010.

Zunächst die Lappalie, die allerdings symptomatisch ist: Für wen finden Götterdämmerungen statt, wenn nicht für Überirdische? Maradonas Schleppen ist indes unüberbietbar homerisch mit einer Prise christlichen Martyriums. Hector flieht vor Achilles aus der Arena in die Katakomben.Drama,baby. Der Fußball, das lernen wir jederzeit, ist der Heldenmythosgrund, wenn der Krieg auch dem Unfrömmsten nicht mehr als solcher gelten darf. Kritische Nachrichtenmagazine wären sich ihrer Sprache so gewiss, dass sie diese auch offenlegen dürften. Sonst schleppen sie sich demnächst vielleicht selbst fassungslos in ihre Archive.

Goedart Palm

6/28/2010

Wirklichkeit ist das, was simuliert werden kann

Wirklichkeit ist das, was simuliert werden kann

Notas von Goedart Palm

6/27/2010

Christian Wulff - Zukunftsfest

Der Bundespräsidentschaftskandidat Christian Wulff verwendet den Begriff "zukunftsfest", was eine schöne Prophezeiung wäre, wenn uns nicht der Glaube gegeben wäre, dass Politik vieles vermag, nur keine "zukunftsfesten" Zustände zu zaubern. Politik besteht gerade in der Irritierbarkeit durch Zukunft, durch plötzliche Wechsel, antagonistische Positionen zu reklamieren. Politik, die erfolgreich sein will, schert sich nicht sehr um Widersprüche, sondern eskamotiert sie im schlechten Gedächtnis des Wählers. Versprechen sind nichts anderes als instantane Sprechakte, Vertrauen einflößend, aber nicht einklagbar. Politik in der Kategorie "zukunftsfest" heißt, die Unsicherheit, die je Medium der Politik ist, unsichtbar zu machen. Menschen verdrängen je Unsicherheit durch Rhetorik. Vermutlich ist das ein Überlebensmodus, dem wir nur zu gerne vertrauen. Ich allerdings glaube, dass die Zeiten sehr unklar bis bedrohlich sind, wenn "zukunftsfest" zum politischen Sprachgebrauch gehört.

Goedart Palm

Digitale Schreibpraxis

Die Verfertigung der Gedanken beim Schwadronieren ist ungleich einfacher als diese Prozedur beim Schreiben, zumal mit digitalen Schreibprogrammen, die nun endlose Korrekturen, Repetitionen, Versionen eröffnen, ohne dass es noch legitim erscheint, zum Schluss zu kommen.

Goedart Palm

6/26/2010

Detlef Hartlap und die Untiefen der Antike

Menschen sind mitunter kurios. Nie werfe ich das Wochenmagazin "Prisma" weg, obwohl ich einigen Abstand zu dem Entschluss habe, einen Treppenlift zu kaufen. Nun gut, das Fernsehprogramm ist auch nicht so bunt kommentiert, wie ich das zu meiner dürftigen Vorfreude brauche. Also: Ich löse das Schachdiagramm, wenngleich der Kommentator über das Thema "kairos" noch einmal angestrengt nachdenken sollte - eingedenk des Umstands, dass nicht jeder ein Brett vor sich stehen hat. Dann lese ich die Glosse von Herrn Hartlap. Der bringt mitunter Dinge witzig auf den Punkt, den man in dieser Postille nicht gerade erwartet. Gerade wird er noch philosophisch. Allerdings zitiert er "Ich weiß, dass ich nichts weiß von Sophokles", was mich im Morgentran leicht erzittern lässt. Hat Sokrates von Sophokles geklaut und ich habe es nicht mitgekriegt. Weiß er (wer?), dass er nichts weiß? In der Online-Ausgabe verschwand der Sophokles zügig und machte dem Sokrates Platz. Nun ist die philosophische Welt wieder in Ordnung. Wir verzeihen es dem Chefredakteur. Denn jede Wette wäre ich eingegangen, dass der Name "Gilles Deleuze" in der prismatischen Galaxis nie und nimmer aufscheint. Schon verloren! Fazit: Auch "Prisma" ist Teil der Postmoderne. Und ob Sophokles oder Sokrates, das ist nicht länger die Frage, weil es doch ohnehin alles nur Masken sind. Und vielleicht sind Treppenlifte Teil einer abendländischen Technikironie, wo wir dann auch wieder bei Sokrates gelandet wären.

Goedart Palm

PS: Nach Veröffentlichung des vorstehenden Textes zeigen die Anzeigen dieser Seite sofort Werbungen für Treppenlifte an, was uns wiederum verdeutlicht, dass wir weder der Ironie des Netzes noch gar der tieferen Logik jenes Blattes entkommen. Schon gar nicht mit einem Treppenlift...

Skizze für ein fantasmatisches Paris Goedart Palm

6/25/2010

Web 2.0 - Retrospektiv

Längst wird nicht erörtert, dass Langeweile ein Medium, wenn nicht das Medium des Netzes ist. Ziehen wir die unmittelbaren Funktionen ab, die Beruf und Freizeit gleich schalten, verbleiben die Wüsten. Die Dürftigkeit der Zeitgenossen wird hier so deutlich wie nirgends, denn hier wird in Wort und Bild geoutet, was sich anderenorts besser verstecken kann.

Goedart Palm

6/24/2010

Gespräche über Fußball

Fußballspiele sind kontingent verlaufende Ereignisse. Das macht sie zu idealen Gesprächsgegenständen. Beispiel: "Wird Deutschland Weltmeister?" - "Ja, wenn die Mannschaft weltmeisterlich spielt." So lässt sich reden! Jeder Zukunftsverlauf findet seine Anhänger. Diese Gespräche, etwa zwischen Netzer und Delling, sind absolut sinnfrei. Purer Dadaismus. Dafür muss man nicht nur diese beiden loben...

Goedart Palm

6/19/2010

Goedart Palm nach einer Skizze von Johann Wilhelm Schirmer

Zum Tod von José Saramago - ein Beitrag aus dem Archiv

José Saramago, Das Evangelium nach Jesus Christus (Rowohlt Verlag, Hamburg 1995, 19,90 DM ISBN 3-499-22306-6).

Das Neue Testament ist die einflussreichste Erzählung Europas. Unendlich oft reflektiert, myriadenfach abgebildet, Gegenstand religiöser Auseinandersetzungen, hat das neue Testament eine einzigartige Rezeptionsgeschichte. Der Nobelpreisträger Saramago entfaltet das biblische Panaroma neu, mit dem scheinbar halbernsten Anspruch, wirklich authentisch zu sein, d.h. aus der Perspektive des Menschensohns zu erzählen, wie die Menschen erlöst werden. In Saramagos Geschichte wird Jesus aber selbst als Suchender dargestellt, der seine göttliche Herkunft und Bestimmung erst im Laufe der Geschichte erfährt. Jesus ist Mensch, auch ihn verfolgen alltägliche Probleme. Familie, Beruf und Berufung werden zu breit angelegten Gegenständen der Erzählung. Ein menschlicher Jesus, wie wir ihn immer hinter den Evangelien vermutet haben, wird etwa in der Beziehung zu der Hure Maria von Magdala, besser bekannt als Maria Magdalena, gezeichnet. Die "high-lights" der evangelistischen Geschichten, mit denen wir imprägniert sind, drängen sich nicht nach vorne. Auch der Menschensohn handelt fehlsam, er hadert mit sich, mit seinem Schicksal, mit Gott. So läßt er etwa die Dämonen aus dem Besessenen in die Schweine fahren, einen Feigenbaum verdorren und den anschließenden Wiederbelebungsversuch des toten Baumes scheitern. Wunder gibt es immer wieder, aber diese Wunder finden nicht das Gefallen des Erzählers, der mit vorsichtiger Ironie des Heilands Erdenwallen begleitet. Dieser Jesus ist nicht weniger Mensch als Gottes Sohn und das erklärt die kirchlichen Proteste gegen Saramagos Werk, obwohl der bekannteste portugiesische Autor nach Pessoa nichts anderes macht, als die Identität von Mensch und Gott im Erlöser ernst zu nehmen. Saramagos authentische Apokryphe kann den Kanonikern, die den Mensch gegenüber dem Gott zurückdrängten, nur als Provokation erscheinen, aber der Autor gefällt sich nicht in leichtfertigen Blasphemien. Wären die vier Evangelien die offizielle Hofberichterstattung, so verlässt sich - in der Sprache der Journalisten - Saramago auf "wohl unterrichtete Kreise". Der Autor berichtet nicht aus der historischen Erzählerperspektive, wie der Titel vermuten lässt, sondern immer wieder wird aktualisiert, was ein historischer Evangelist nicht wissen kann - selbst tiefenpsychologische Bezüge eröffnet das "Evangelium nach Jesus Christus", weil die Wahrheit eben keine einfache Sache ist und sich erst in der Zeit entfaltet. Allein Gott ist die Zeit, er kennt Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen, ja mehr, für Gott sind alle Zeiten gleichzeitig. Der Evangelist Saramagos überführt seine Reportage der neutestamentarischen Geschehnisse nicht in die geglättete Welt der Heiligen und ihrer harmonischen Lebensgeschichten. Der Hl. Josef etwa ist alles andere als ein harmloser Statist des Krippenspiels, von dem wir eben nur wussten, dass er nicht Christus´ Vater ist. Er lädt Sünde auf sich, weil er früh vermutet, dass sein Erstgeborener ein Bankert sein könnte und Träume, ihn zu töten, verfolgen ihn. Josefs erfolgreicher Versuch, den Sohn vor der Exekution von Herodes´ Dekret zu retten, endet im Wissen um die Schuld, andere Unschuldige nicht gewarnt zu haben, egoistisch nur aus Sorge um den eigenen Sohn gehandelt zu haben. Schließlich kreuzigen ihn die Römer, ein Abgang, der einem dummen Zufall zu verdanken ist, weil sie in ihm einen Freischärler vermuten, er aber nur einen verletzten Nachbarn in Sicherheit bringen wollte. Auch Heilige können sich also nicht dem irrwitzigen Lauf der Welt entziehen. Selbst Gott kann in die Geschicke der Menschen nur bedingt eingreifen. Seine metaphysische Oberhoheit endet spätestens an den Einflussbereichen anderer Götter und Jesus ist sein Protagonist, der eine Gemeinde um sich scharen soll. Saramago spielt mit dem Verhältnis von göttlicher Vorhersehung und menschlichem Handeln, er läßt offen, wie weit menschliches Verständnis reicht, den Weltenlauf zu verstehen. Sein literarisches Verdienst ist es, eine Geschichte, die wir schon nicht mehr hörten, weil wir sie zu oft gehört hatten, wieder nachvollziehbarer zu machen. Jederzeit lässt er dabei seinen Gegenstand sprachlich funkeln, seine Sprache ist reich und präzise, lange parataktische Sentenzen fließen zu plastischen Szenen zusammen. Vielleicht ist ja das vorliegende Evangelium der Wahrheit näher als die kanonischen Texte, weil sich nicht in Harmonie auflöst, was immer offene Fragen bleiben. Jesus letzte Äußerung am Kreuz jedenfalls gibt Saramago anders wieder, als wir sie kannten. Auf Gott bezogen ruft Jesus aus: "Menschen, vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat." - eine harsche Vaterkritik des Sohnes, der die unzähligen Märtyrer, Opfer der Kreuzzüge, Inquisitionen und anderer Katastrophen auf dem Siegeszug des Christentums nicht für legitimierbar hält. Sollte Christus doch der Rebell wider den Vater sein? Gibt es auch ein Schisma in der heiligen Dreifaltigkeit? Fazit ist, dass das neue Testament in Saramagos Überlieferung wirklich neu ist, eine alte Geschichte von ihrer historischen Patina befreit wird und wir uns fragen können: "Wie hältst du´s mit der Religion?"

Goedart Palm

Paraphrase Deutschland Weltmeisterschaft

6/11/2010

Sigmar Polke Memorial Picture - 11.06.2010



Noch letztes Jahr in der großen, prämierten Polke-Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg gewesen...

6/07/2010

Zur Leere der neuen politischen Philosophie

Anmerkungen zu Slavoj Žižeks und Jacques Rancières Bemühungen der Wiedergeburt des Subjekts aus dem Frust der Theorie.

Von Goedart Palm

»Das Private ist das Politische«

In der grassierenden Politik- und Demokratieskepsis artikulieren sich Widerwillen und offene Ablehnung, die antik geprägten und tausendfach überformten, hochtönenden Formeln von Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie noch länger dem Gehalt realer gesellschaftlicher Prozesse zu unterlegen. Kann Politik überhaupt theoretisch mit fein ziselisierten Instituten erfasst werden, die auf dem Reißbrett des Philosophen more geometrico konzipiert werden? Könnte man nicht „Politik“ das allgemeinste Instrument nennen, das erst der Verwender für seine je spezifischen Zwecke formt, so wie es eine Theologie der Offenbarung gibt, der dann eine Theologie der Befreiung oder eine Theologie „von unten“ konfrontiert werden. Und doch soll nur ein Gott sämtliche Zuständigkeitsprobleme lösen. Aber bekanntlich kam es ja in irdischen Angelegenheiten noch schlimmer: „Das Private ist das Politische“. Ob Dieter Kunzelmann seine Orgasmusprobleme öffentlich aufdrängte oder Studentinnen in den 1970ern „Mein Bauch gehört mir“ skandierten, diese Politiken verlassen die aristotelischen Markierungen zwischen Heim und Marktplatz zugunsten der politischen Totalität aller Lebensverhältnisse. In der globalen Oikopolis kann kein Gegenstand noch länger reklamieren, nicht politisch zu sein, während klassische Politik als symbolschwaches Inszenierungstheater oder arkane Machtpolitik pervertiert.

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6/04/2010

Variation über Poussin

Variation über Claude Lorrain

The Tempest oder die Katastrophe


Variation über Winslow Homer

Deep ink Goedart Palm


Hommage an Nicolas Poussin, Claude Lorrain...

Hommage an Winslow Homer


Goedart Palm über Winslow Homer - Aquarell ohne Wasser im Wasser, reflektorisch...

5/31/2010

Heinz-Klaus Metzger

Durch Zufall nehme ich den Band "Musik wozu: Literatur zu Noten (Edition Suhrkamp) von Heinz-Klaus Metzger bei einem Antiquar mit. Einige Stunden angelesen. Noch nie überkam mich so sehr das Gefühl, einer Satire aufzusitzen. Ein Satz zieht sich über eine ganze Seite, Satzungetüme, denen man gegenüber hofft, doch bald auf ein Prädikat zu stoßen. Alles das hat Methode: Adorno hat hier jede Zeile tief imprägniert. Die Syntax ist bis zur Kenntlichkeit dem Meister nachempfunden. Der aufblitzende Überbietungsmodus "konformiert" diesen Gestus, wenn endlose Manierismen und wundervoll obsolete Wörter sich in Pirouetten drehen. Selten so viel Spaß gehabt ... Musiktheorie wozu, das frage ich mich nun zusätzlich.

Goedart Palm

5/29/2010

The Black Keys - Brothers

Dan Auerbach: “We like spooky sounds..." Well, so do I. Die Tradition der Black Keys ist klar, so unwahrscheinlich der Erfolg dieser bekannten Schemata heute erscheint. The Black Keys lösen dieses Problem respektabel. Einerseits inszenieren sie diese Musik musikalisch, wie sie andererseits "nur" Musik machen. D.h. es gibt eine reflexive Ebene, die bis zur Ironie reicht - wir kennen das Schema von Frank Zappa - und weiterhin eine autochthone Ebene, als jenen Ort, wo der Blues sich erdet. Diese Spannung produziert dann den Kultcharakter, der nicht zum klassischen Blues gehört.

Goedart Palm

5/23/2010

Magritte und die Rekonstruktion der Pfeife

Impressonistische Landschaften im Wallraff-Richartz-Museum Köln

Das Paradox der Malerei beginnt nicht erst mit dem Impressionismus, wird hier aber besonders augenfällig. Es gibt einen Vektor der Gegenständlichkeit und einen Vektor der Malerei, die koninzidieren können, aber jederzeit veranlasst sind, auseinanderzulaufen wie Farbe, die ihren Gegenstand verliert und sich selbst findet. Liebermann, Corinth, Slevogt entdecken die Farbe als Licht, das dem Gegenstand abgerungen wird und so entweder zum Gegenstand zurückkehr oder ihn verlässt. Dieses Paradox der Malerei ist die eigentliche Spannung der Bilder, die keine Realität wiedergeben, wenn es nicht die Realität der Malerei ist. Der Gegenstand wurde also für die Malerei erfunden. Hier liegt ihre Autonomie, die nicht eine der Kunst ist, sondern einer fiktiven Seinsordnung.

Goedart Palm

Liebermann - Corinth - Slevogt
Die Landschaften
30. April – 1. August 2010

Lektüretipp zu einem alten Prinzip

Che Guevara, Rudi Dutschke oder Frantz Fanon waren politische Helden, denen man die Weltrevolution schon gerne anvertraut hätte, wenn die Revolution nicht leider so schrecklich unzuverlässig gewesen wäre. Wer wollte nicht dazu gehören, wenn das echte Paradies winkt, wahre Menschlichkeit und Brüderlichkeit alle Sozialstaatsabhängigen zur Sonne, zur Freiheit führen? Zwischen Histomat, südamerikanischer Revolutionsromantik, Berliner Kommunarden und Lafontaines Fabeln über die neue Wünschbarkeit der Verhältnisse liegen indes einige linke Lichtjahre. Ist "Links" gar nicht links?

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Goedart Palm

5/19/2010

Eric Clapton vs. Mike Bloomfield

Damals schrieben sie in London angeblich an die Häuserwände "Clapton is god". Das alte Dilemma, man hört dieses oder jenes, hat letztlich aber keinen "Durchblick", was ja für divine Einsichten wichtig ist. Mike Bloomfield verstand erheblich mehr vom Blues und der Art, Blues-Gitarre zu spielen. Vor dem Hintergrund beider Musiker ist das auch nicht weiter verwunderlich. Erich Clapton ist kompositorisch der größere Musiker, aber Mike Bloomfield ist auf der Blues Gitarre schwer zu erreichen. Das ist Chicago, aber jederzeit bereit, den Exzess zu riskieren. An dieser Stelle macht das Blues-Schema Sinn...

Goedart Palm

5/07/2010

Notiz: Zum "Wesen" der Dinge - Phänomenologie updated

Nur wenn man die symbolischen Werte der Dinge jenseits ihres Gebrauchs- und Tauschwerts kennt, nähert man sich dem, was früher als das "Wesen" bezeichnet worden wäre. Symbolische Werte erschließen sich nur dem Beobachter, der die Dinge nicht braucht, sondern ihren Gebrauch nur allgemein imaginiert, also von sich selbst im Zugriff auf die Dinge abstrahiert. Menschen begeistern sich für Funktionen, die weit entfernt von ihren eigenen Lebenszusammenhängen nur virtuell existieren. So werden Dinge wichtig, die wir zuvor nie wahrgenommen haben, weil sie in unseren zweckrationalen Zusammenhängen keine Bedeutung besaßen. Für diese Wahrnehmung benötigt man viel Lebenszeit.

Goedart Palm

5/04/2010

Holy Grail - Goedart Palm




Ein Beispiel für digitale Lasurmalerei,kind of mixed media: Gold, Holz, Digital Paint etc.

Goedart Palm

5/02/2010

Paradoxien der Organisation - Goedart Palm

"Organisation" hat sich aus dem Grau von Aktenstaub und Ärmelschonern, Schreibmaschinen und Büromäusen zum Modethema mikroelektronisch beherrschbarer Unternehmen und Verwaltungen emanzipiert. Telematische Medien gelten als neue Erfolgsgaranten öffentlichen wie wirtschaftlichen Handelns. Tele-Kooperation, Tele-Präsenz, Tele-Kommerz beherrschen geschwindigkeitsberauschte globale Märkte.

Aber längst haben sich fundamentale Paradoxien in den Glauben an die digital verbundene Welt eingeschlichen: 1. Rasender Stillstand wird zur menschlichen Grundbefindlichkeit(1). 2. Räumliche Dezentralisierung von Unternehmen und Verwaltungen stößt auf Zentralisierung der Informationen. 3. Selbstorganisation pendelt zwischen positivem Chaos und unkontrollierter Anarchie. 4. Computer reduzieren klassischen Bürokratismus und produzieren zugleich hypertroph Daten. 5. Der Informationstransfer wächst, aber der "Datenklau" geht um. 6. Märkte werden global, aber die Chancen kleiner und kleinster Unternehmen wachsen(2).

Das neue Organisationsparadigma

Der historische Blick auf soziale, politische, ökonomische oder kulturelle Entwicklungen präsentiert einen immer schneller werdenden Prozess organisatorischer Durchdringung aller Lebensbereiche. Max Weber hat die Bürokratisierung als das wesentliche Rationalisierungsphänomen moderner Gesellschaften beschrieben. In der Abstraktion von menschlichen Eigenschaften richten sich Organisationen auf zweckrationale Aufgabenerfüllungen. Diese klassische Analyse moderner Wirtschaftsgesellschaften verfeinerte sich zu einem Konzept funktionaler Differenzierungen gesellschaftlicher Subsysteme der Wirtschaft, des Rechts und der Kultur. Es entstehen selbstbezügliche Entscheidungsmuster mit eigenen Systemlogiken. Bürger verstehen immer weniger, was in Verwaltungen und Unternehmen abläuft.

Biologische Prozesse wurden zum grundlegenden Paradigma einer Vielzahl von Organisationslehren. Systemtheorie, radikaler Konstruktivismus, Soziokybernetik und politische Kybernetik haben ihre Ansätze geschlossener Systeme paradigmatisch auf die Selbstreproduktion lebender Organismen gestützt (3). Der Gehirnaufbau gilt als der fundamentale Organisationstypus, obwohl Gehirnforschung und Künstliche-Intelligenz-Forschung noch zu keinem umfassenden Verständnis hirnphysiologischer Abläufe gelangt sind. Schlagwörter wie "brain-trust", "think-tank", "Autopoiesis" oder "strukurelle Kopplung" belegen enthusiastische, oft aber vorschnelle Übertragungen biologischer Organisationsmuster auf soziale Modelle. Einigkeit besteht darin, dass das das mechanistische Maschinenmodell, das einer instrumentellen Vernunft verschrieben war, nicht mehr zum Verständnis moderner Gesellschaften ausreicht. Der Glaube an totale Planbarkeit und strategische Beherrschbarkeit lässt sich in komplexen Umwelten in der Tat nicht länger einlösen. Im Tempo digitaltechnologischer Entwicklungen werden Unternehmensmoloche, fabrikmäßige Massenproduktionen und bürokratische Verwaltungstraditionen zu gefährdeten Restposten der zweiten industriellen Revolution.

Vom Chaos der Ordnung

Ziel der Organisation ist es traditionell, Unordnung in Ordnung zu überführen, menschliche Fähigkeiten synergetisch zu bündeln, Produktivität durch personale und technologische Kontexte zu steigern. Die wissenschaftliche Betriebsführung Frederick Winslow Taylors wollte Organisation und System an die erste Stelle treten lassen, um Chaos, Eigensinn und Verschwendung menschlicher Ressourcen zu minimieren. Der Mensch sollte ein motivational gesteuertes Rädchen in arbeitsteilig strukturierten Produktionsabläufen werden. Das Unternehmen dagegen avancierte zum neuen Handlungssubjekt. Auch wenn die inzwischen selbst stark angefochtene human-relations-Bewegung die Inhumanität dieses Konzepts kritisierte, bleibt der Taylorismus - veredelt durch die Prinzipien moderner Mitarbeiterführung und telekommunikativer Aufrüstungen - auch heute noch ein implizites Ideal vieler funktional-strategisch handelnder Organisationen. Die Beschwörungen synergetischer Potenziale, des Chaos-managements oder evolutionären Managements haben diese Basis nicht erfolgreich verdrängt (4). Den neuen Organisationsphilosophien fehlen konkrete Organisationskonzepte, Unterscheidungen zwischen positivem und negativem Chaos und branchenspezifische Differenzierungen. Soft-ware-Herstellung wirft andere Organisationsfragen auf als Automobilproduktion. Letztlich handelt es sich bei den modernen Remedien, die in Managementseminaren mit viel heißer Luft angeboten werden, um Korrektive des traditionellen Taylorismus. Subentscheidungssysteme, Arbeitsteiligkeit und Reduktion menschlichen Eigensinns lösen sich aber auch in einer globalisierten Welt nicht auf. Menschen ziehen mit den neuen Technologien nicht in das Schlaraffenland totaler Bedürfnisbefriedigung. Trotz der Zauberformel "Komplexitätsreduktion" reiben sich gegensätzliche Werthaltungen und Identitätsbedürfnisse nach wie vor an den bestehenden Organisationsstrukturen (5).

Dem biologistischen Mythos der Selbstbezüglichkeit ist ein anderes Großsystem der Organisation verbunden: Sprache. Sprache ist ein Rückkoppelungssystem, das permanent eigene Konstruktionen mit fremden abgleichen, verarbeiten und sich reproduzieren muss. Organisation kann als ein System erfolgreicher Sprechakte verstanden werden. Empirisch werden Zusammenhänge zwischen der Zahl erfolgreicher Kommunikationen und Organisationsfunktionen behauptet. Die Struktur der Sprache zeichnet sich neben anderen Elementen durch ihre erfolgs- und verständigungsorientierte Diskursivität aus. Gleichwohl lässt sich Organisation nicht als gelungenes "Sprachkunstwerk" beschreiben. Mit dem Wildwuchs digitaler Kommunikationstypen reduziert sich zugleich der sprachliche Gehalt von Kommunikation. Mit neuen Technologien ist keineswegs - wie oft versprochen - die Arbeitsteilung aufgehoben worden. Chaos, Frustration über mangelhafte Technikbewältigung und Kommunikationsstörungen wurden zum Büroalltag. Die Angst vor dem Systemabsturz wird zum Damoklesschwert computergesteuerter Organisationen (6).

In den Fährnissen telematischer Prägung von Betrieben und öffentlicher Verwaltung lösen sich traditionelle Strukturen auf. Mittleres Management und menschliche Ansprechpartner für den Außenkontakt mit Kunden verlieren in informationsgesteuerten Zusammenhängen an Bedeutung. Tendenziell werden Produktionssystem und Arbeitssystem entkoppelt. Das klassische Betriebsgefüge mit lokal gebundenen Kooperationen löst sich auf. Der Risikosoziologe Beck spricht von einer organisationskonzeptuellen Experimentierphase, deren Verlauf offen ist (7). Danach greifen neue Gestaltungsspielräume in das klassische Betriebsparadigma, die Ordnung der Produktionssektoren und das Vorverständnis der Produktion als Massenproduktion ein. Mikroelektronisch gesteuerte Rationalisierungsschübe lassen dezentralisierte Unternehmenseinheiten mit selbstkoordinierten Funktionszuweisungen entstehen. Kontrolle läuft nicht länger über menschliche Kommandobrücken, sondern über computergesteuerte Programme. Die traditionellen Ordnungsgefüge werden durch digitale Informationsordnungen ersetzt. Herrschaft über Information wird in innerbetrieblichen Auseinandersetzungen, aber vor allem im Wettbewerb zum beherrschenden Faktor des hektischen Time-Managements. Mit der räumlichen Dezentralisierung von relativ autonomen Betriebseinheiten verbindet sich die Zentralisation von Funktionen auf der Informationsebene. Hierarchische Großbürokratien werden zu Fossilien, die sich zwanglos in das Museum für organisatorische Frühgeschichte einordnen. Mit dem Ausbau vollautomatischer Produktionsweisen werden zudem Produktspezialisierungen erwartet, die nicht länger dem Ideal der Massenproduktion folgen.

Organisationsrisiken

Organisation profiliert sich auf der Grundlage des (tele)kommunikativen Standards von Unternehmen. Die Zahl erfolgreicher Kommunikationen gibt Aufschluss über die Effizienz einer Organisation. Organisationen stehen aber nicht nur mit ihrer Umwelt in Kontakt, sondern zunächst - abhängig von ihrem Autonomiestatus - mit sich selbst. So existieren zwischen Unternehmensniederlassungen private Netzwerke (Corporate Networks), ohne die keine sinnvolle (Selbst)Organisation mehr denkbar wäre. Die Transnationalität von Unternehmen schafft in immensem Ausmaß weit reichende Anforderungen an die Tele-Koordination von Abteilungen und Mitarbeitern (8). Mit dem Eintritt der Unternehmen in das digitale Zeitalter beginnt eine kommunikative Selbstorganisation, deren Ausmaß nicht annäherungsweise einschätzbar ist. Kommunikation wird zum Fetisch und Minenfeld der neuen Organisationen. Aber Fälle häufen sich, dass Hacker mit simplen Anfragen große Löcher in fremde Netze reißen. Tele-Organisation wird zum Datenschutzproblem. Die Kommunikationsfreudigkeit der Unternehmen wird zum Risikopotenzial.

Großbürokratien mit hierarchischen Leitungsfunktionen werden zu Gunsten von dezentralen Entscheidungsebenen mit regen Informationstransfer untereinander abgelöst. Informationsverwaltung und -politik der Unternehmen besitzen danach Schlüsselcharakter für das Verständnis wirtschaftlicher Prozesse, aber auch für Missbrauch durch Konkurrenten. Die Geschlossenheit von Organisationen wird abgebaut. Die Ränder der Unternehmen werden unscharf. Es bilden sich Strukturen, die mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verfassung nicht mehr deckungsgleich sind. Der Raum virtueller Verfassungen überlagert traditionelle Verfestigungen, die sich von Hierarchien lösen.

Manager: Die neuen Zauberlehrlinge

Modernes Management ist zur strapazierten Schnittstelle von Organisation und Menschenführung geworden. Während in klassischen Zeiten prosperierenden Wachstums die Zuordnung von Unternehmenszielen und -strukturen relativ präzise möglich war, rätselt das Management inzwischen oft schon darüber, welche Produkte hergestellt werden sollen und welche Technologien dem zuzuordnen sind. Die Mikroelektronik greift in die vormals so ehernen Kategorien betrieblicher Organisation ein, weil technische Sachzwänge als Organisationsvorgaben verschwinden. Programmierungen der Unternehmensstrukturen müssen a priori entwickelt werden und sind nicht länger Resultate naturwüchsiger Entwicklungen. Progressive Organisationstheorien stellen hohe Anforderungen an das Management der Zukunft. Manager werden als "Helden des Chaos" gefeiert und sind doch oft nur Prügelknaben der Unternehmen. Managern werden synergetische Leistungsfähigkeit, visionäre Energien, ja spirituelle Eigenschaften abverlangt, um fraktale Unternehmen zu begreifen. Kinetisches Management, Management by Love, Soft-Management, Change-Management oder evolutionäres Management sind neue Modeformen, die zentrale, bürokratische und vertikale Unternehmensstrukturen ablösen sollen (9). Die euphorischen Programme selbst ernannter Gurus zielen auf umfassende Ausbeutung kreativer Ressourcen. Dabei produzieren die Trendberater oft einen Teil des Chaos, dessen Steuerung sie versprechen. Trendberater stellen sich als das postmoderne Orakel vor, das im Gegensatz zu seinem antiken Vorgänger indes völlig unverbindlich bleibt. Manager werden zu Trendgläubigen einer neuen "Unternehmensmetaphysik" oder Selbstzweiflern einer nicht hintergehbaren Wirtschaftsrationalität.

In der Euphorie des neuen Managements gilt, dass Organisation einer Vielzahl nicht berechenbarer Faktoren folgt. Das macht die Prognostik so einfach. Aber heteronome Zwecksetzungen sind auch in den Ideen eines "management by love" nicht auszulöschen. Die Versöhnung des Menschen mit der Organisation erledigt sich nicht durch Euphemismen, die Organisationszwecke mit subjektiven Zwecken verwechseln. Selbst auf der Leitungsebene brechen gesellschaftliche Imperative wie Arbeitsrechtsschutz und ökologische Zwänge die Kongruenz von persönlichen Zwecken und Organisationszwecken auf.

Selbstorganisation als neuer Mythos

Unternehmensstrukturen spiegeln gesellschaftliche Strukturen wider. In der Frühzeit der Industrialisierung gab es weder betriebliche Mitbestimmung noch Interessenverbände. Unternehmer waren mehr oder weniger autokratische Entscheidungsinstanzen sternförmig organisierter Hierarchien. Ökonomischer Erfolg basierte auf naturwüchsigen Einzelentscheidungen der Chefetage. Friktionen zwischen dieser Entscheidungsebene, Mitarbeiterinteressen und Wahrnehmungsdefiziten gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen wurden zum Dauerübel der Industriegesellschaften. Als klassischer Unternehmenskonflikt schälte sich der Arbeitskampf zwischen Chefs und Gewerkschaften heraus.

Das aktuelle Verständnis wirtschaftlicher Prozesse hat darauf verwiesen, dass Organisation zugleich Selbstorganisation ist. Diese heuristische Kategorie aus dem Bereich selbstbezüglicher Systeme hat Verwirrungen ausgelöst. Reicht eine beliebige Ansammlung von Menschen und Mitteln, die sich zu einem gemeinsamen Zweck treffen aus, dass sich eine Struktur selbst organisiert? So ist etwa das Internet keine Organisation, hat keine Organisation und bewegt sich doch. Der Heinzelmännchen-Mythos aus der Schatzkiste kognitiver Biologen und neuronaler Netzwerktechniker suggeriert die Selbstverfertigung der Organisation im Reich der Zwecke. Solange soziale Systeme wie biologische Organismen kategorisiert werden, verbinden sich mit der Selbstorganisation uneinlösbare Hoffnungen. Im Unternehmensbereich zeigen Kooperationsmodelle über betriebliche und nationale Grenzen hinaus, dass "invariante Selbstreproduktion" kein tragfähiges Modell ist, moderne wirtschaftliche Strukturen zu begreifen.

Parkinson hat frühzeitig auf die Aufblähung von Organisationen verwiesen, die erst einmal in Gang gesetzt immer neue Anwendungsfälle für ihre Notwendigkeit finden. Organisationen legitimieren sich durch Handlungen, je aktiver sie sind, umso wichtiger sind sie. So wird etwa der schwerfällige Brüsseler Verwaltungsapparat der Europäischen Union kritisiert, der eine Vielzahl von global zu treffenden Entscheidungen für die Mitgliedsländer kompatibilisieren muss.

Gegenüber der Kritik der Hypertrophie von Organisationen ist aber deren Ausbildung in Subsysteme, die der Zerlegung von Zwecken, der Ausbildung neuer Zwecke etc. dienen, hervorzuheben. Eine menschliche Organisation unterscheidet sich von einem Ameisenhaufen durch immer komplexere Funktionen mit entsprechenden Problemlösungskapazitäten und Rationalitätsschüben. Moderne Großunternehmen lösen sich aus der ökonomischen Monokultur des Gründungsunternehmens und erschließen sich neue Produktionsbereiche.

Die Elastizität von Betriebsorganisationen beurteilt sich nach der Fähigkeit, die Rückkoppelung außerorganisatorischer Handlungsanforderungen in einer fließenden Struktur zu verarbeiten. Mit der Autonomie entstehen Sperren gegen fremdgesetzliche Systemlogiken. Vereinfacht gesprochen entwickelt eine Organisation ein autonomes Handlungsprofil, das nur bedingt durchlässig für fremde Zielsetzungen ist. Die strikte Differenzierung von System/Umwelt-Relationen ist dagegen fragwürdig. Nach Luhmann sind gesellschaftliche Subsysteme autopoietisch konstruiert: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft seien selbstbezüglich operierende Systeme, die nur ihrer eigenen Systemlogik gehorchen (10). Beck kennzeichnet diese funktionale Differenzierung gesellschaftlicher Systeme als "organisierte Unverantwortlichkeit", die gesamtgesellschaftliche Risiken in den Unternehmen und Verwaltungen nicht wahrnimmt (11).

Münch hat demgegenüber zu Recht darauf verwiesen, dass eine unorganisierte Allverantwortlichkeit in diesen gesellschaftlichen Subsystem zu beobachten sei (12). Die Lehre aus der Problemüberfrachtung der Betriebe kann nur eine politisch zu lösende Ausbildung neu institutionalisierter Verantwortlichkeiten sein. So sind die ökologischen Anforderungen an die Wirtschaft inzwischen durch neue Verantwortungszuschreibungen in erheblichem Umfang gestiegen. Mit dem Tempo technologischer Risikoentwicklungen werden an die Absorptionseigenschaften einer Organisation Anforderungen gestellt, die nicht mehr allein von ihr zu lösen sind. Es bleibt dabei, dass Komplexitätssteigerungen angemessenere Lösungen bereithalten sollen, aber nicht die Komplexität der Welt vollständig ausloten können (13). Autonome Organisationen, die nur in ihrer Währung zurückzahlen, was zuvor die Gesellschaft in fremder Münze eingeworfen hat, setzen sich permanent dem Risiko aus, den Zug der Zeit zu verpassen. Wie Dinosauriern droht ihnen der Artentod auf Grund von Wahrnehmungsschwächen gegenüber ihrer Umwelt.

Auch im Bereich öffentlicher Organisation wird die Aktualisierung von neuen Zwecksetzungen zur Überlebensfrage. Als Erben klassischer Verwaltungsorganisation werden konservative Organisationsprinzipien beibehalten. Die Justiz ist das traurige Paradebeispiel für eine Organisation, die zu kollabieren droht. Die Privatisierungsdiskussion hinsichtlich der öffentlichen Verwaltung ist nur vor dem Hintergrund schwerfälliger Verwaltungsmoloche erklärbar, die mit viel Aufwand geringe Effizienz verbinden. Eigenverantwortung, Enthierarchisierung, Entpolitisierung, Staatsferne, Abschottung grundrechtlicher Freiheitsräume, größere Flexibilität im Dienst-, Besoldungs- und Haushaltsrecht gelten als Privatisierungsvorteile, obwohl auch Private mit immensen Problemen zu kämpfen haben.

Kybern-Ethik

Organisation ist mehr als die Strukturierung von Individuen und Mittel. Sie avanciert zum Handlungssubjekt. In dessen Eigengesetzlichkeit liegt aber zugleich die Schwachstelle, dass sich Entscheidungen aus menschlichen Verantwortungen lösen und abstrakte Verantwortungshierarchien entstehen. Die ethische Instanz des Gewissens wird durch Organisationen ersetzt, deren Gefahrenwahrnehmungspotenzial fragil bleibt. Gefahren werden oft bis zur Unkenntlichkeit ihres Risikogehalts verwaltet. Kennzeichnend werden blinder Entscheidungseifer und Selbstberuhigungsformeln, die sich von einer fluktuierenden Wirklichkeit verabschieden. Permanent werden Entscheidungen getroffen, ohne deren wirklichkeitsnahe Programmierung zu überprüfen. In einer Gesellschaft, die Katastrophenstimmung verordnet, werden Tschernobyl, Brent Spar oder Regenwald zu Ikonen des hässlichen Unternehmens, das angeblich auf die Umwelt pfeift.

Störungen entstehen zugleich auch auf subjektiver Ebene. Mobbing gehört zu den kontraproduktiven Faktoren moderner Organisation. Mobbing gedeiht auf dem Humus geschlossener Systeme, die sich im Gegensatz zu ihrer Umwelt definieren. Es entstehen Frontstellungen zwischen Mitarbeitern und ganzen Abteilungen, die durch innerorganisatorische Logiken geprägt sind. Schon frühzeitig plädierte das Human-Relations-Konzept für die Amelioristik menschlicher Beziehungen. Der Taylorismus hatte zwar gewaltige Erfolge in der Produktivität zu verzeichnen. Störungen, menschliches Versagen etc. konnte ein rigide praktizierter Taylorismus aber nicht bewältigen. Jede Organisationstheorie, die allein auf die Rationalisierbarkeit von Arbeitsabläufen vertraut, verkürzt Problemstellungen um den menschlichen Faktor. So werden motivationale und psychologische Momente zu bestimmenden Momenten moderner Unternehmensorganisation. Organisation hat sich aus ihren naturwüchsigen Anfängen befreit. Teilefertigung, Fließbänder und ähnliche Fertigungsverfahren sind zwar ablauftechnisch hoch rational strukturiert. Die Reduktion des Menschen auf eine Funktion als irrationales Betriebselement führt aber zu Störfällen. In Unternehmen und öffentlicher Verwaltung werden daher Rufe nach eigendynamischen und eigenverantwortlichen Mitarbeitern laut. Der homo bürocratius ist nicht länger gesellschaftsfähig. Organisation muss die Stellung des Menschen im Unternehmenskosmos achten. Japanische Unternehmen haben die für euroamerikanische Verhältnisse typischen zweckrationalen Bürokratien durch lebensweltliche Bezüge aufgebrochen. Familienähnliche Industriebetriebe funktionieren paternalistisch. Arbeitsalltag und Freizeit fließen ineinander (14). Den japanischen Großclans werden ökonomische Effizienzsteigerungen zugerechnet, die mit der Differenzierung von System und Lebenswelt nicht länger erreichbar sind. Einer Übernahme des "betrieblichen Familienmodells" stehen vor dem Hintergrund europäischer Mentalitäten aber unüberwindliche Sperren entgegen.

Von der Hierarchie zur Heterarchie

Ohne die neuen Medien wird der heute mögliche Rationalitätsstandard moderner Betriebsführung verfehlt. Zugleich enteignet aber die Digitalisierung der Planung schleichend Unternehmensleitungen. Auch im führungsintensiven Bereich des Militärs wird die Enteignung des Menschen aus der Entscheidungsverantwortung beobachtet (15). Generäle beklagen ihre Bedeutungslosigkeit gegenüber digital berechneten Entscheidungsgrundlagen, die nur noch den deklaratorischen Vollzug der "Entscheidung" eröffnen.

Der angemessene Organisationstypus ist nur entscheidungsbezogen zu beantworten. Soweit lediglich die Koordination von Entscheidungen erwartet wird, bleiben hierarchische Systeme effizient. Bei schwierigen Problemstellungen haben Sozialexperimente erwiesen, dass zirkuläre Organisationsstrukturen ein höheres Maß an Effizienz besitzen. Der geringere Autoritätsdruck und die Verteilung des Entscheidungsproblems auf verschiedene Instanzen stellt solche Systeme als belastbarer dar. Stichwort: Heterarchie. Warren McCulloch, der "Entdecker" dieser Systemstruktur, hat ein berühmtes Beispiel für die Umwandlung einer Hierarchie in eine Heterarchie in der Seeschlacht bei den Midway-Inseln gefunden. Nachdem das amerikanische Flaggschiff frühzeitig von der japanischen Flotte versenkt worden war, war die Flotte auf wechselnde Kommandostellen angewiesen. Zum Befehlshaber der Flotte avancierte der jeweils aus der besten Perspektive das Schlachtgeschehen beobachtende Kapitän. Die Verteilung und Dezentralisation der Verantwortung erwies sich als erfolgreich. Die japanische Flotte wurde geschlagen (16).

Gleichwohl ist solches Kriegsglück kein Vorbild für moderne Unternehmensführung. Rückkoppelungsgeschwindigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit entscheiden über betriebliche Effizienz. Je mehr Transferzeit für Informationen und Übermittlungsverluste entstehen, umso reduzierter sind Anpassungs- und Überlebensmöglichkeiten (17). Die Problemlösung ergibt sich nicht vorderhand aus der simplen Differenzierung von Hierarchie und Heterarchie. So kann ein autoritär strukuriertes System ohne Entscheidungsbeteiligung von Mitarbeiterstäben prinzipiell schneller handeln. Zugleich aber benötigt es mehr Transferzeit von der Basis zur Spitze und ist zudem fehleranfälliger, weil Probleme Komplexitätsverluste erleiden.

Organisationen bleiben letztlich fehlerbehaftete Experimente, in einer Welt ständig wachsender Komplexität komplexere Entscheidungen treffen zu müssen. Die beobachteten Paradoxien können weder durch den Glauben an eindeutige Zweck-Mittel-Analysen, rational-strategische Allbeherrschbarkeit noch durch künstliche Intelligenzen oder gar postmoderne Orakel neuer Trendpriester behoben werden. Solange sich wirtschaftlicher Erfolg nicht auf organisatorische Rezepte reduzieren lässt, bleibt der Wettbewerb spannend.

Goedart Palm

(Dr. Goedart Palm praktiziert als Rechtsanwalt im Arbeitsrecht und befasst sich auch dort mit Fragen des Arbeitsalltags in seinen diversen rechtlichen Facetten - Arbeitsvertrag, Mobbing, Kündigungsschutz, Aufhebungsvertrag, Direktionsbefugnis - sowie mit Problemen der Betriebsverfassung)

Anmerkungen

(1) Paul Virilio, Rasender Stillstand, München 1992.

(2) John Naisbitt, Global Paradox, Düsseldorf 1994.

(3) Vgl. etwa den "Klassiker" Humberto R. Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, 2. Auflage, Braunschweig 1985. Einflussreich für die Diskussion in Deutschland vgl. Siegfried J. Schmidt (Hrsg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt 1987. Instruktiv Friedrich Cramer, Chaos und Ordnung, Main u.a. 1993.

(4) Gerd Gerken, Manager - die Helden des Chaos, Düsseldorf, u.a. 1992, S. 270 stellt fest: "Das Credo des neuen Feelings lautet: "Nonsens ist die Wahrheit...Wahrheit ist Nonsens." Das sollte zur Abschreckung gegenüber solchen "Theorieansätzen" ausreichen.

(5) Systemgläubiger dagegen Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität, Tübingen 1968, S. 340 f.

(6) Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart, Frankfurt 1989.

(7) Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M 1986, S. 345 ff.

(8) Gerhard Schub von Bossiazky, Vom vernetzten zum virtuellen Unternehmen, in:Kursbuch Neue Medien (Hrsg. Stefan Bollmann), Mannheim 1995, S. 280 ff.

(9) Gerd Gerken, aa0. Vgl. auch Matthias Horx, Trendbuch 2. Megatrends der neunziger Jahre, Düsseldorf u.a.1995.

(10) Grundlegend Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt 1984.

(11) Ulrich Beck, Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit, Frankfurt/M 1988.

(12) Richard Münch, Dialektik der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt/M, 1991.

(13) Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität, Tübingen 1968, S.341.

(14) Axel Honneth, Desintegration, Frankfurt 1994, S. 51 ff.

(15) Joseph Weizenbaum, Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Frankfurt/M 1978, S. 313 ff.

(16) Heinz von Foerster, Prinzipien der Selbstorganisation im sozialen und betriebswirtschaftlichen Bereich, in: Wissen und Gewissen, Frankfurt/M 1993, S. 233 ff.

(17) Karl W. Deutsch, Politische Kybernetik, Freiburg 1969, S. 258 ff.

4/22/2010

Das endgültige Modell des Festspielhauses Bonn


Der Generalanzeiger Bonn führt das "Aus" zum Festspielhaus Bonn in seiner Ausgabe vom 22.04.2010 primär auf die angespannte Haushaltssituation der Stadt zurück. Kurios an der Diskussion ist, dass offensichtlich noch nicht einmal das Kostenargument klar ist. Am Anfang wussten einige, dass der riesige Kulturspaß nichts koste. In der Folge wurde viel über Unterhaltungskosten parliert. Dann wieder war das neue Festspielhaus die kostengünstigere Variante gegenüber der Konservierung der alten Halle. Nun also doch anders... Sicher ist, dass die Diskussion, so intensiv sie vorgeblich geführt wurde, nicht einmal die Argumente sicher gestellt hat. Vielleicht ist Bonn doch Abdera.

Ende des Festspielhauses in Abdera, nein, in Bonn!

In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat,als es noch keine Museumsmeile in Bonn gab, kannte man hier folgenden Witz: Was ist der Unterschied zwischen Bonn und dem Zentralfriedhof von Chicago? Antwort: Bonn ist halb so groß, aber doppelt so tot. 

Man konnte in den letzten 20 Jahren den Eindruck gewinnen, dass Felix Bonna sich zum Beweis des Gegenteils gemausert hat – in der Kultur - aber auch als Wirtschaftsstandort.

Die Idee, diese Entwicklung durch ein international herausragendes Konzerthaus zu ehren Beethovens weiter zu dynamisieren – gerade in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation – ohne selbst dazu nennenswerte städtische Mittel in die Hand nehmen zu müssen, war ein weiterer Glücksfall, um den uns zahlreiche notleidende Städte in NRW beneidet haben. 

Auch Bonn steht aufgrund eigener, diletantisch durchgeführter, desaströser Großbauprojekte vor einem Haushaltssicherungskonzept. Man ahnt, nein, man weiß, dass die „fetten Jahre“ von selbst nicht wiederkehren, und allein die angemessene Substanzerhaltung der öffentlichen Bauten den städtischen Haushalt überfordert.

Die Stimmung für eine internationale Beethovenphilharmonie, die mit dem unglücklichen Begriff „Festspielhaus“ ganz falsche Assoziationen vom „Tanz auf dem Vulkan“ weckt, könnte schlechter nicht sein. Das mag sein. Der Oberbürgermeister ist um die real existierende Situation WCCB und die entsprechend entstandene Kleinmütigkeit der ihn umgebenden Politiker nicht zu beneiden.

Aber muss er, darf er dieser Stimmung nachgeben?

Es gibt Situationen, in denen darf man sich auf keinen Fall von Stimmungen leiten lassen. Aus guten Gründen wird z.B. keine Bürgerbefragung zum Bau von Moscheen gemacht, und aus guten Gründen werden Bürger auch nicht gefragt, ob man nicht auch Orchester und Theater zugunsten von U3-Tagesstätten schließen sollte.

Die wichtigste Aufgabe und zugleich die größte Herausforderung für Politik ist es, Zukunft zu gestalten – nicht im Sinne krankhafter Visionen, nicht durch Aufplustern von Seifenblasen, aber durch Nutzung real verfügbarer Gestaltungsspielräume. - Spielräume, die uns Bonnern sogar den allergrößten Teil der finanziellen Risiken abnehmen!

Eine Situation wie beim WCCB ist durch die glückliche Ausschaltung der Lokalpolitikerzuständigkeit nicht zu befürchten. 

Eine naive Illusion (oder vorgeschobene Verhinderungstaktik?) ist allerdings die Vorstellung mancher Politiker, man könne die Ausgaben für den laufenden Betrieb schon heute auf den letzten Cent ausrechnen. Viele benennbare Faktoren lassen sich nicht ausrechnen, sondern nur schätzen, wobei die Spielräume zwischen optimistischer und pessimistischer Schätzung durchaus auch durch die öffentliche Haltung zur Sache maßgeblich beeinflusst wird: Wollen wir unsere Stärken nach außen tragen oder unsere Schwächen? Das Gleiche, die Bandbreite zw. Optimismus und Pessimismus, gilt auch für die Einnahmenseite: man kann den Gewinn für die Stadt (Arbeitsplätze, Steueraufkommen, Tourismus) hoch oder nicht so hoch schätzen.

Nach Überzeugung aller Fachleute (und da sind jetzt nicht die Politiker gemeint) sind die Chancen für die Stadt Bonn, in der Kombination von UN- und Beethovenstadt tatsächlich ein internationaler Hotspot zu werden, immer als sehr hoch eingeschätzt worden.

Nur die Bonner selbst glauben nicht daran. Kleinmütig haben sie Angst davor, ihre eigenen Hausaufgaben zu erledigen. Wir sind doch hier die kleinen, spießigen Bonner. Beethoven? Größe? Hilfe, wir wollen keine Größe, wir wollen klein bleiben – so wie die überregionalen Feuilletons uns das suggerieren. Ein Denkmal der Nachkriegspolitik, das ja, aber bitte nicht so viel Zukunft! WCCB, ein neues Konzerthaus, der internationale Beethoven – Größenwahn das alles. Wahn? Bonna paupera!


Lieber Ludwig,

steig von deinem Sockel vor der Post, schließ auch dein Geburtshaus gut ab, dann spart die Stadt noch ein paar Renovierungs- und Heizkosten und wandere aus … nach Venezuela, Korea, China, Bilbao. Da bist du willkommen!

Die hiesigen Klassik-Profis werden dir bald folgen und das sinkende Schiff verlassen.

Du brauchst auch nie mehr mit "Beethoven Bonnensis" zu unterschreiben.

Wir bleiben in Verbindung! 

Solveig Palm

4/18/2010

Mein treuester Leser

...ist der googlebot. Dank ihm und seiner Lektürebegeisterung.

4/15/2010

Songs for Drella - Premiere in Bonn 14.04.2010

Einige Anmerkungen zum gewagten Versuch, Popkultur auf der Bühne zu inszenieren - anlässlich der Premiere „Songs for Drella“ im Theater Bonn am 14.04.2010

Lou Reed und John Cale veröffentlichten 1990 das Konzeptalbum „Songs for Drella“ als späte Huldigung an den großen Andy, der das erste, längst zum Mythos avancierte Album der legendären „Velvet Underground“ produziert hatte. Das Bananen-Cover, das Warhol seinerzeit beisteuerte, muss die magische Ausstrahlung noch erheblich erhöht haben, denn anders ist jeder Erklärungsversuch dieser Total-Verkultung vergeblich.

„Songs for Drella“ am Theater der Stadt Bonn ist eine Hommage an diese Hommage an Andy Warhol. Wer weniger will, könnte von einer Neuauflage sprechen. Hier liegt bereits das künstlerische Problem. Wie kann man drei der schrägsten, coolsten und nebenbei auch erfolgreichsten Figuren der Pop-Geschichte, Andy Warhol, Lou Reed, John Cale, so mimetisch abbilden, dass sie nicht zu blässlichen Abziehbildern werden? Als Schauspieler, Musiker, Dramatiker würde ich mir die Frage erst gar nicht vorlegen, ich würde die Finger davon lassen. Denn wenn wir dieses Dreieck des Pop-Himmels betrachten, erleben wir Ikonen, die um ihr Charisma wussten und es in einer Weise inszenierten, die sub specie aeternitatis - jedenfalls unter dem Gesichtspunkt verrockter Ewigkeit - des Rockhimmels Geschichte macht. Es gibt Posen, um nicht von „lifestyles“ zu reden, die nicht (re)inszeniert werden können, weil sie sich unverbrüchlich mit einer Person und ihrem Kontext verbinden. Davon lebt die Pop- und Rockkultur, deshalb kreischen (unter anderem) die Fans. Mick Jagger ist Mick Jagger ist Mick Jagger. Nicht anders Lou Reed. „Songs for Drella“ als Theater wandelt daher auf einem schmalen Pfad, was dadurch noch längst nicht zum „walk on the wild side“ wird.

Eine musikalische „Metapose“ zu einer fan-bewährten sakrosankten Pose des Rockstars würde höchstens als ironische Kondition einleuchten. Das lakonische und zugleich aufgeheizte Lebensgefühl, das wir mit Warhol, Cale/Reed und „factory“ verbinden, ist nicht leicht zu ironisieren. „Drella“, also Warhol als perfide Personalunion von Dracula und Cinderella, ist deshalb so berühmt geworden, weil kein Künstler je so durch und durch artifiziell erschien, ohne dass dieses seinerzeit provokante Gegenbild zum klassischen Künstler (der inneren Notwendigkeit) nicht zugleich völlig authentisch gewesen wäre. Andy Warhol war in eine Formel gepresst: authentisch inauthentisch. Diese Paradoxie künstlerischen Seins übertrug sich auf die Mitglieder der „factory“ und John Cale und Lou Reed waren augenscheinlich trotz einiger Differenzen mit dem Meister der vervielfachten Marilyn fasziniert davon.

Lou Reeds lakonisch-puristische Art zu singen, seine ambivalenten Texte über die mehr oder minder schäbige Gegenkultur, seine sperrige Selbstinszenierung lassen sich im Theater nicht wiedergeben. Ohnehin stellt sich hier die fundamentale Frage, wie das Theater in seinem Medium Rockmusik darstellen will. Rockmusik ist a priori Theater, dessen Pathos aber auf einer anders gepolten Bühne nicht entfacht wird. Scherze über diese Rituale, wie es die Bonner Inszenierung versucht, sind keineswegs verboten, aber das müsste dann härter, distanzierter, womöglich sogar manierierter kommen. In diesen witzelnden Umrahmungen der Bonner Premiere wird die Existenzialität der beiden Musiker und ihrer Devotionalie „Warhol“ zurückgenommen. Man muss sich künstlerisch schon entscheiden: Entweder reproduziert man im besten Sinne des Wortes den „Star“, wird selbst zum Star, oder aber zu einer ironisch distanzierten, kritisch begleitenden, vielleicht sogar schizophren antipodischen Figur. Val Kilmer gelang es unter den ungleich anderen Bedingungen des Films (The Doors, 1991, Regie: Oliver Stone) sich in Jim Morrison zu verwandeln. Diese Mimikry reichte selbst bis zum einfühlsamen Gesang, dem angeblich Ex-Bandmitglieder attestierten, Jim Morrison darin perfekt zu treffen. Dagegen stehen Myriaden von Michael-Jackson-Imitatoren, die den „moon walk“ schon für die ganze Miete ihres Auftritts halten, ohne die durchlittene Hybridität des „King of Pop“ je zu ahnen.

Was der Bonner Aufführung gelingt, ist die mitunter einfühlsame Engführung von Musik und Video. Die beiden Instrumentalisten, Markus Schinkel und „Birth Controller“ Peter Engelhardt, verstehen ihr Handwerk. Henrik Richter kommt zwar phänotypisch, also rein äußerlich, an Lou Reed näher heran als Arne Lenk an John Cale. Doch das ist nicht wesentlich. „Le style c'est l'homme“! Von Lou Reed gibt es nicht nur Musikvideos, sondern auch aufschlussreiche Interviews. Distanz, trockene Ironie, mitunter (vermutlich seinerzeit drogengestützte) Blasiertheit charakterisieren diesen Stil, der für Schauspieler schwer kopierbar ist, weil man zugleich präsent sein muss, während man sich zurücknimmt. Die Freiheit, wie Lou Reed und John Cale zu singen, kann man sich zwar nehmen, doch das Original sitzt nicht nur im Nacken der Schauspieler, sondern auch in den Ohren der Zuhörer. Ein Internet-Hörer beschreibt es richtig: „Lou Reed can miss notes if he want´s to, he´s Lou Reed? man!!!” Unter diesem Vorbehalt leisten Henrik Richter und Arne Lenk gute Arbeit. Letztlich wird aber klar, dass der Unterschied zwischen dem – Antonin Artaud hin oder her - besonneneren Theater und dionysisch selbstverliebten Rockkulten unhintergehbar ist. Diesen vorinstallierten Hiatus versucht die Bonner Hommage durch Lockerheit zu überbrücken, was als Medium dieser beiden Musiker nicht per se falsch ist. Doch Lou Reed und John Cale sind in ihrer musikalischen Selbstdarstellung erfahrungsgesättigter, durchzogen von den fucked-up-Erlebnissen urbaner Kultur, die zwar die kurzweiligen Videosequenzen der Bonner Hommage zu illustrieren versuchen, die aber längst nicht das Spiel der beiden Schauspieler fundieren. Vielleicht sollte bei weiteren Aufführungen überlegt werden, entweder die Darbietung dreckiger zu machen oder aber das narzisstische „Trio infernal“ der nicht mehr ganz taufrischen Pop-Moderne ironischer zu verfremden. Der kollektive Auftritt der Bonner Akteure als abgehangene Cowboys mit der (Steil)Vorlage der Altmeister reicht da noch nicht hin. Diesmal sind es gerade die unfeinen Unterschiede, auf die es ankommt!

Goedart Palm

Eine musikalische Hommage an Andy Warhol von Lou Reed und John Cale
Theater Bonn Premiere am 14.04.2010

Musikalische Leitung: Michael Barfuß
Video: Lars Figge
Bühne: Ansgar Baradoy
Kostüme: Mathilde Grebot

Arne Lenk und Henrik Richter sowie den Musikern Marcus Schinkel (Keyboards) und Peter Engelhardt (Gitarre)

4/05/2010

Brühler Impressionen 2010


Goedart Palm 2010

Eine Variation - oder sollten wir von Kontamination sprechen: Das Schloss Augustusburg, die Industriewerke, der bunte Himmel... ein Assoziationsgewitter.

Babylonische Situation


Goedart Palm 2010

3/31/2010

Forbidden Planet - Alarm im Weltall

Dieser frühe Sciencefiction-Film von 1956 ist bedingt genießbar. Zwar ist es eine "Sturm"-Adaption, doch die Figuren werden dadurch augenscheinlich nicht von ihrem Statistendasein befreit. Der Film leitet, soweit sein Verdienst, einige SF-Motive ein, die später kräftig exploitiert werden, es gibt Sphärenmusik bis hin zum Sound von quietschenden Türen, die unsere galaktischsten Ahnungen treffen und übertreffen sollen. Allerdings ist die Musik der Geisterbahn nicht weit entfernt davon. Die Artifizialität des Planeten "Altair 4" ist faszinierend und lächerlich zugleich. "Robby", der Roboter erscheint als Michelin-Männchen mit Blechringen und lässt Technik grotesk werden. Vielleicht brauchen wir gerade diesen Modus, um Technik auszuhalten. Sicher nicht mehr brauchen wir das technoide Gerede, diese Welt aus "Nixomaten" und unglaubliche Ausblicke auf vormalige Zivilisationen, die sich auf das Erstaunen bescheiden und kulturmorphologisch vom Schauer kitzelnden Untergang handeln.

Goedart Palm

3/29/2010

Rettet die Eisdielen! - Zum Schicksal der Beethovenhalle - Update

Die Diskussionen um das neue Bonner Festspielhaus sind vielleicht nicht weniger denkmalwürdig als die alten und neuen Sehnsuchtsobjekte. Großdiskussionen dieser Art sind wundervolle Gelegenheiten, den eigenen Standpunkt zu nobilitieren, so wenig es ein Standpunkt und schon gar nicht ein eigener sein muss. Sag mir, wie du zu dem Bonner Festspielhaus stehst und ich sag´ dir, wer du bist. Nun könnte man dieses Festspielhaus bauen oder nicht, Musik hören oder es lassen, aber das wäre nicht einmal der halbe Spaß. Das längst nicht errichtete Festspielhaus Beethoven ist ein selbstreferentieller Diskurs, in dem es eher peripher - was für Repräsentationsarchitektur ja eher eine seltsame Position ist - auch um Architektur, Akustik und vielleicht diesen oder jenen Kulturbegriff geht. Das „Jahrhundertprojekt“ ist die Diskussion selbst.

Gegenwärtig geht es um die aporetische Fundamentalfrage des Denkmalschutzes, die auf ewig unentschieden lässt, ob Baron Haussmann nun ein Demoliteur oder ein Wohltäter der Menschheit war. Die „Beethovenhalle“ von Siegfried Wolske darf nicht sterben. Nun erkennen wir oder lassen uns das sagen, dass es sich um ein historisch aufgeladenes Gebäude handelt, in dem sich honorige, unvergessliche Großtaten der jungen Bundesrepublik ereignet haben. Der FAZ-Laudator Michael Gassmann ergeht sich in diesem Lob der alten Halle, in deren Mauern „ein halbes Jahrhundert städtischer Musikkultur“ stecke, was dann historisch erschauern lassen mag, aber längst kein Ausweis gegenwärtiger Bedeutung ist. Kurt Masur sieht Musikkultur hier eher gefährdet: "Die Neunte hier ist eine Verlegenheitslösung." (GA vom 29.03.2010) Entscheidender noch ist aber seine Feststellung zu der bestehenden Halle: "Die Halle ist so wie sie ist, sie ist nicht verbesserbar." Das ist vernichtend. Denn im Klartext heißt das, dass nicht die Erhaltung oder der Abriss das eigentliche Problem sind, sondern allein die Frage, wie man in Bonn überhaupt Beethoven aufführen kann. Gegenwärtig - so die conclusio - hat Beethoven in Bonn zumindest keinen musikalischen Standort.

Und jetzt mal ehrlich: Kein Bonner sieht dieses angenehm konturlose Nachkriegsobjekt mit seiner sanften Sahnekloß-Ästhetik noch als emphatische Bereicherung des Rheinpanoramas. Ist das dem schnöden Alltags-Blick geschuldet? „Die Beethovenhalle prägt die Rheinsilhouette der Stadt und fügt sich zugleich in sie ein. Die sanft schwingende Kuppel ist markant, ohne aufdringlich zu sein. Weit öffnen sich die rheinseits gelegenen Räume zum Fluss. Ihre wasserblaue Kachelung ist ein munterer Gruß an den Strom.“ (Gassmann) Der Strom freilich, der schnöde, grüßt eher nicht zurück, weil er sich nicht für Farbigkeit, sondern dumpfes Grau entschieden hat. Gassmann schöpft hier wenigstens im Text die Architektur nach, das klingt poetisch und man reibt sich die Augen. So - wenigstens semantisch - schön ist also die Bonner Ansicht, alle Witze über unbewegliche Bahnschranken, rheinische Dösigkeit und schlechtes Wetter Kolportage und wir, wir Ignoranten, haben es nicht gesehen. Markant sind diese Formen nicht. Die Halle zeichnet sich durch eine Unbestimmtheit aus, der zugute zu halten sein mag, dass diese Formenwelt fernab von Herrschaftsarchitektur steht. Doch reicht das aus? Das assoziative Namedropping "Scharoun" zum Beleg der architektonischen Organizität der Halle rettet es nicht, vor allem deshalb nicht, weil dessen Bauten sehr viel dynamischer und mutiger sind als die Beethovenhalle.

Es gibt Eisdielen aus diesen Tagen, die ästhetisch keinen anderen Regeln folgen als Wolskes Architektur. Auch die waren in irgendeinem Sinne schön, ohne dass wir sie dauerhaft hätten konservieren wollen. Das Eis schmeckte gut, aber das gibt noch keinen fetten Grund, hier dauerhaft zu verweilen. Diese und andere Nachkriegsarchitektur löste sich von ihren grausigen Vorgängern pathetischer Aufdringlichkeit, ohne ihre relative Formarmut je völlig verhehlen zu können. Dieser Formenschatz wandert in die Museen und Kataloge und das ist gut so. Für Gassmann wäre es indes ein barbarischer Akt, die Beethovenhalle dem Festspielhaus Beethoven zu opfern. In jeder Kultur steckt Barbarei. Anders kann sie sich nicht konstituieren. Diese älteste Dialektik des Denkmalschutzes, dieser Kampf zwischen Erhaltenswürdigem und der „Demolition“ ist nicht dadurch auflösbar, dass der Kritiker großzügig das Label „Barbarei“ verhängt. Denn diese Markierung ist nicht nur im vorbezeichneten Sinne kategorisch schwach, sondern könnte, man erinnere sich für eine aufklärerische Sekunde an Adornos Wortgebrauch, für wirklich schändliche Taten reserviert werden. Wenn unsere, damaligen Maßstäben folgend, gelungene „Eisdiele“ verschwindet, ist das kein Freudenakt, aber wir werden es verschmerzen. Das Lebensgefühl dieser Tage, das Siegfried Wolske Architektur werden ließ, ist nicht so unvergänglich, dass wir nun weinen müssten. Das alte Paris bot bestimmt größere Schätze. Ist es nicht von eigener ästhetischer Erhabenheit, gerade in Zeiten des Speicherwahns, Dinge vergehen zu sehen und nur noch ihre Spuren zu konservieren? Erinnerungen, die aus solchen Relikten entstehen, sind die besten. Erst jetzt, im Moment des Falls, glaubt man eine Schönheit beschwören zu müssen, die längst dahin ist, wenn sie denn je existiert haben sollte. Farewell. Oder sind die Entscheidungen von Denkmalschützern selbst denkmalgeschützt?

Goedart Palm

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